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BnE-Magazin: Global home Solingen

Solingen, 14. November 2018. Text + Fotos: Daniela Tobias

Die Welt zu vermessen auf einem zweistündigen Rundgang durch Solingen ist ein ambitioniertes Unterfangen. Ein Religionskurs der Jahrgangsstufe 8 des Humboldtgymnasiums traf sich dazu mit Ines Derra und Hannes Düllberg von der BUND Jugend NRW am Fronhof in der Innenstadt. Die beiden jungen Ehrenamtler haben eine sogenannte „Global Home Tour“ für die Klingenstadt erarbeitet, die den Schülerinnen die Zusammenhänge von Flucht und Migration und unserem Lebensstil und Konsum begreifbar machen soll.

Zum Einstieg gab es ein Quiz zum Thema „Kolonialismus“: wieviele Menschen wurden während der Kolonialzeit als Sklaven aus Afrika verschleppt? Wieviele Kolonien hatte Deutschland? Drei, fünf oder sieben? „Da muss ich auch raten“, gab Lehrerin Ingrid Bruchhaus zu. Anschließend schickten die beiden Exkursionsleiter die Jugendlichen zu einer Umfrage in die umliegenden Cafés: wer bietet Fairtrade-Kaffee an und was wissen die Anbieter über die Anbaubedingungen?

Am nächsten Standort an der Clemenskirche in Sichtweite der Deutschen Bank wurden auf dem Boden die Kontinente markiert. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich so darauf verteilen, wie sie meinten, dass es dem Anteil an der Weltbevölkerung entspreche. Anschließend wurden Walnüsse auf den Kontinenten verteilt, die den Anteil am Wohlstand darstellten. Dass es hier ein Ungleichgewicht gibt, war den Jugendlichen durchaus bewusst, das tatsächliche Ausmaß jedoch nicht. Vollends überrascht waren sie dann jedoch von der Verteilung der Flüchtlinge weltweit. Instinktiv stellten sich fast alle zuerst in Europa auf, aber niemand in Afrika. „Wer will denn schon nach Afrika fliehen?“ lautete die Frage. Dass hier tatsächlich anteilig 9 von 27 Schülern stehen müssten während es in Europa nur 3 waren, leuchtete ihnen erst ein, nachdem Hannes Düllberg erklärte: „Die meisten Menschen fliehen tatsächlich innerhalb ihres eigenen Landes oder ins Nachbarland. Sie hoffen darauf, so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückkehren zu können.“ Der subjektive Eindruck, dass Europa von Flüchtlingen „überflutet“ werde, habe viel mit der Darstellung in den Medien zu tun.

Ein weiterer Halt am Solinger Rathaus zum Thema „Fluchtrouten“ musste aus Zeit- und Wettergründen an diesem Tag leider ausfallen. Endpunkt der Tour war das Grundstück an der Unteren Wernerstraße, wo 1993 fünf Mitglieder der türkischen Familie Genc einem Brandanschlag zum Opfer fielen. Die Jugendlichen berichteten, was sie selber über den Anschlag wussten. Ein Zeitungsartikel, der von „Ausländerfeindlichkeit“ sprach, warf die Frage auf, ob man jemanden, der seit über 20 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in Deutschland hat, tatsächlich als Ausländer bezeichnen könne. „Was könnte denn die eigentliche Motivation hinter so einer Tat gewesen sein?“, wollten die beiden Tourleiter wissen. „Rassismus wäre wohl der richtige Begriff“, fand eine Schülerin. Eine Familie, die ursprünglich aus Großbritannien stammt, wäre zum Beispiel kaum Opfer eines solchen Anschlags geworden, weil man sie als gleichwertig ansehe, im Gegensatz zu Menschen, die anders aussehen als man selber.

Auch wenn die Jugendlichen im Alter von 14-15 Jahren noch recht jung waren und wenig Hintergrundwissen mitbrachten, hinterließ der Rundgang Eindrücke, die zum Nachdenken anregten. Es wurde klar, dass die Würde jedes Menschen gleich geachtet werden muss und noch viel zu tun bleibt, um Wirtschaftsstrukturen und Denkweisen aus der Kolonialzeit zu überwinden.


Veranstaltungsort: die Tour führt nach Absprache zu verschiedenen Orten in der Solinger Innenstadt
Veranstalter: BUND Jugend NRW
Ansprechpartnerin: Isabell Popescu
Telefon: Tel.: 0 29 21 / 34 69 44
E-Mail: isabell.popescu@bundjugend-nrw.de
Web: bundjugend-nrw.de/projekt/global-home-tour

Stadtrundgang Global Home Tour

Findet sich in unserer Stadt ein Bezug zu Flucht, die doch so weit weg zu sein scheint? Was hat unser Lebensstil, Konsum und Reichtum mit Flucht weltweit zu tun? Welche Spuren und Auswirkungen der weltweiten Fluchtthematik finden sich hier? Und überhaupt: wie ist das Leben in der Stadt für Menschen, die neu hier sind? Was für Auswirkungen hat europäische und deutsche Asylpolitik ganz konkret auf ihr Leben in ihrer neuen Stadt? Wo und wie werden geflüchtete Menschen für ihre Rechte aktiv und wie können sie unterstützt werden?

Eine GLOBAL HOME TOUR dauert 2,5 Stunden und besteht aus 4-6 interaktiven Stationen in der Stadt. Workshopeinheiten vorher oder im Anschluss sind nach Absprache möglich.

Die Rundgänge werden von einem diversen Team aus 2-3 Multiplikator*innen durchgeführt, so dass auch eine persönliche Perspektive auf das Thema Flucht & Migration und das Neuankommen in der Stadt vermittelt werden kann.

  • Altersgruppe: Jugendliche ab 8. Klasse, Erwachsene
  • Besonders geeignet für: weiterführende Schulen
  • Teilnehmerzahl: max. 15 Personen
  • Termine: Gruppenführungen können individuell vereinbart werden
  • Veranstaltungsort: verschiedene Orte in Solingen
  • Kosten: keine
  • Anbieter: BUNDjugend NRW, Paradieser Weg 19, 59494 Soest
  • Kontakt: Isabell Popescu, Tel.: 0 29 21 / 34 69 44, E-Mail: isabell.popescu@bundjugend-nrw.de
  • Anmeldung: erforderlich
  • Webseite: bundjugend-nrw.de/projekt/global-home-tour