Archiv der Kategorie: Interkulturelles Lernen

BnE-Magazin: Kulturdinner

Solingen, 3. November 2016. Text + Fotos: Daniela Tobias

In der Küche des Familienzentrums Hasseldelle liegt die Temperatur kurz nach 18 Uhr schon im Sauna-Bereich. Aus dem großen Kochtopf dampft es, auf der anderen Seite wird noch eifrig geschnippelt und gerührt. Es ist „Kulturdinner“ angesagt und der Menüplan verheißt Leckeres aus Kürbis und Süßkartoffeln.

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Als die städtische Kita Hasseldelle vor einigen Jahren zum Familienzentrum wurde, hatte deren Leiterin Ulla Speckamp die Idee, die Nachbarschaft regelmäßig zum Essen zusammenzubringen. Unterschiedliche Nationen können hier ihre Vorlieben und ihre Erfahrungen einbringen und austauschen. Der Verein „Wir in der Hasseldelle“ war dabei von Anfang an Kooperationspartner. „Zuerst hat die Gruppe sich in den Vereinsräumen an der Rolandstraße getroffen, aber die Küche hier im Kindergarten ist einfach viel besser ausgestattet“, erzählt die ehemalige Quartiersmanagerin Martina Klassert.

Die Profi-Einrichtung nutzt Ulrike Kluge täglich, um für die Kita ein frisches Mittagessen zuzubereiten. „Auch bei den Kinder ist es uns wichtig, dass sie Neues ausprobieren“, erklärt Kluge. Wenn grüne Bohnen auf dem Plan stehen, sorge sie aber auf jeden Fall für einen besonders leckeren Nachtisch, gibt die gelernte Hauswirtschafterin mit einem Augenzwinkern zu.

Anfangs waren die Kulturdinner Länderreisen und die Menüs kamen aus Italien, Russland, der Türkei, aus Indien oder Marokko. „Danach haben wir Gemeinsamkeiten gesucht. Teigtaschen oder Eintöpfe gibt es zum Beispiel in fast allen Kulturen“, erinnert sich Ulla Speckamp. Fatima Polat findet besonders interessant, die traditionellen Festtagsessen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen. „So lernt man nebenbei auch etwas über religiöse Feiertage.“

Zu den regelmäßigen Teilnehmerinnen beim Kulturdinner zählt unter anderem eine Frauengruppe, die sich vom türkischen Frauenfrühstück an der Rolandstraße kennt. Fatima Caliskan hat heute Kürbis und Walnüsse aus ihrem eigenen Kleingarten für den Nachtisch mitgebracht. Marion Döker ist seit anderthalb Jahren dabei und stellt fest, dass sie seither auf der Straße viel öfter Hallo sagt. „Man läuft nicht mehr aneinander vorbei, sondern unterhält sich auch mal.“

Ganz neu in der Runde sind heute Abend Antje Kordes und Daniela Berghaus. Die beiden gehen seit kurzem als Bezirkspolizistinnen auch im Bereich Hasseldelle auf Streife und nutzen die Gelegenheit sich vorzustellen. Während Antje Kordes in der Küche fleissig mit schnippelt, hilft Daniela Berghaus beim Tischdecken, denn auch die liebevoll dekorierte Tafel darf beim Kulturdinner nicht fehlen. „Das ist eine tolle Gelegenheit, denn die Frauen sind ganz wichtige Ansprechpartnerinnen für uns“, findet Antje Kordes. „Wir wollen Vertrauen schaffen, damit man uns auch anspricht, wenn es drauf ankommt.“ Antrittsbesuche machen die beiden deswegen auch in Kindergärten und Schulen.

Inzwischen zieht ein herzhafter Duft durch die Räume. Am Esstisch sorgen Teelichter für Stimmung. Als erster Gang wird Zwiebelkuchen serviert, danach folgt ein Kürbiseintopf mit Linsen und Hühnchen, dazu Süßkartoffelpommes und ein angeblich scharfer Butternut-Kürbis. „Ich war ein bißchen vorsichtig“, gibt Martina Klassert zu. Was auf deutschen Zungen schon als loderndes Inferno wirkt, ist für türkische Gaumen meist noch völlig harmlos. Gewürze machen den größten Unterschied der landestypischen Küchen aus. „Das ist nicht immer alles mein Geschmack, aber ich kann es trotzdem lecker finden“, hat Ulrike Kluge als Erfahrung mitgenommen.

Es wird viel gelacht und während dem Essen schon das nächste Treffen geplant. Im Dezember soll es etwas weihnachtliches geben. „Letztes Jahr haben wir die Weihnachtsgans vorgestellt“, erinnert sich Ulla Speckamp. Lässt sich das noch toppen? Ihre Kollegin bringt eine Zimttorte ins Spiel.  Gibt es türkische Festessen, die als Hauptspeise dazu passen? Einige Ideen wie Börek schwirren durch den Raum, aber das finale Menü wird wohl noch ein paar Tage reifen müssen.


Veranstaltungsort: Familienzentrum Kita Hasseldelle, Hasselstr. 132, 42651 Solingen
Ansprechpartner: Hans-Peter Harbecke
Telefon: 0212 / 68 94 95 37 (Wir in der Hasseldelle e. V.),
0212 /  5 25 33 (Kita Hasseldelle)
E-Mail: info@hasseldelle.de
Angebote des Vereins „Wir in der Hasseldelle e.V.“ auf unserem Portal: www.hasseldelle.de

BnE-Magazin: Christlich-Islamischer Gesprächskreis

Solingen, 5. September 2016. Text: Daniela Tobias, Fotos: Doris Schulz und Uli Preuss

Im Gemeinschaftsraum des evangelischen Altenzentrums Cronenberger Straße begrüßen sich die eintreffenden Mitglieder des Christlich-Islamischen Gesprächskreises. Einige Besucher sind zum ersten Mal hier, denn ein Artikel in der lokalen Presse hat ihr Interesse geweckt. Der heutige Themenabend gilt der Geschichte von Noor*, einem jungen Afghanen, der seit fast zwei Jahren in Solingen lebt. Seine Geschichte, die voller Hoffnung für sein Land begann und ihn durch den Terror der Taliban nach Deutschland führte, wird er selbst erzählen.

In der Regel trifft sich der Christlich-Islamische Gesprächskreis im Evangelischen Altenzentrum an der Cronenberger Straße. Foto: Doris Schulz
In der Regel trifft sich der Christlich-Islamische Gesprächskreis im Evangelischen Altenzentrum an der Cronenberger Straße. Foto: Doris Schulz

Respekt, Dialog und Begegnung sind die Anliegen von Doris Schulz, die den 1980 gegründeten Gesprächskreis seit 12 Jahren leitet und dabei ganz unterschiedliche Themen und Formate anbietet. Darunter sind Vorträge über soziale Themen oder theologische Fragen, die Islam und Christentum verbinden, das gemeinsame Kennenlernen religiöser Feste, Exkursionen und Diskussionsrunden. „Autobiografisches Erzählen“ ist ein weiteres Element, das zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen soll. „Wir bekommen so viel Wissen nur medial vermittelt, aber das kann die unmittelbare Begegnung nicht ersetzen“, ist Doris Schulz überzeugt.

Dass Noor nicht dem gängigen Klischee des afghanischen Flüchtlings entspricht, wird auf den ersten Blick klar. Seriös in Hemd und Anzughose gekleidet begrüßt er die Anwesenden in geübtem Deutsch. Obwohl erst 22 Jahre alt, merkt man ihm an, dass er es gewohnt ist, vor Publikum zu sprechen. Er beginnt mit seiner Herkunft. „Ich wurde 1994 in Kabul geboren, aber meine Familie musste nach Pakistan fliehen, als ich zwei Jahre alt war.“ Die Taliban hatten es damals auf die Eliten abgesehen, zu der sie auch seinen Vater als Arzt zählten. „Wir wurden im Nachbarland freundlich aufgenommen, aber ich konnte dort keine Schule besuchen.“

Nach der militärischen Intervention des Westens und der Einsetzung einer neuen Regierung unter Hamid Karzai kehrte Noors Familie 2002 zurück in ihre Heimat, die afghanische Provinz Parwan. Damit Noor eine Schule besuchen konnte, zog er zu seiner verheirateten Schwester nach Kabul. „Ich habe eine Prüfung gemacht und konnte so direkt in der vierten Klasse anfangen“, berichtet er. Nach der neunten Klasse wechselte er auf die traditionsreiche Amani-Oberrealschule, die 1924 von dem Deutschen Walter Iven gegründet worden war. „Mir gefiel die deutsche Sprache sehr und weil mir der Schulunterricht nicht ausreichte, besuchte ich zusätzlich Kurse am Goethe-Institut.“

Kindern Zugang zu Bildung zu verschaffen ist eine Grundvoraussetzung, um Afghanistan wieder aufzubauen. Foto: Uli Preuss
Kindern Zugang zu Bildung zu verschaffen ist eine Grundvoraussetzung, um Afghanistan wieder aufzubauen. Foto: Uli Preuss

Danach begann für Noor eine für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Karriere. Bereits vor seinem Abitur wurde er stellvertretender Leiter der Bibliothek des Goethe-Instituts, kurz darauf übernahm er die Leitung. Man betraute ihn mit verschiedenen Kulturprojekten, und schließlich war er der einzige afghanische Mitarbeiter, der den Mut hatte, an der Einrichtung von Mädchenschulen in den Provinzen mitzuwirken. „Das bedeutete zunächst zähe Verhandlungen mit den Ältestenräten. In Herat habe ich drei Wochen gebraucht, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich musste theologisch argumentieren, um klarzustellen, dass Bildung für Mädchen nicht gegen den Islam ist. Außerdem musste ich die Bedingungen für den Schulbetrieb aushandeln, dass dort also zum Beispiel nur Frauen unterrichten würden.“

Als endlich alle Verträge unter Dach und Fach waren und Noor bereits im Taxi zum Flughafen saß, wurde der Wagen plötzlich von zwei Motorradfahrern beschossen. „Ich hatte Glück und bin noch einmal davon gekommen. Mir war dieses Risiko immer klar, und ich habe es bewusst in Kauf genommen.“ Was für ihn allerdings nur schwer zu ertragen ist, sind die Bedrohungen gegenüber seiner Familie. „Ich wurde irgendwann immer bekannter, da ich meine Arbeit und meine Einstellung zu Menschenrechten auch in Talkshows vertrat.“ So bekamen auch die Taliban im Heimatort seines Vaters Wind von seinem Engagement und seinem öffentlichen Einfluss. Noor entschied sich, den Kontakt zu seiner Familie abzubrechen, um sie zu schützen, aber aufgeben wollte er seine Arbeit nicht. „Man muss die Angst überwinden. Anders kommen wir nicht weiter. Ich habe mich entschieden, für die Zukunft meines Landes einzustehen.“

2014 war Noor auf einer Dienstreise in Deutschland. Am Tag seiner Rückreise rief seine Schwester mit einer Hiobsbotschaft an. Die Taliban hatten ihr Haus überfallen, nach ihm gesucht, aber weil er nicht da war den Bruder als Geisel genommen. „Sie bat mich, unbedingt in Deutschland zu bleiben und nicht zurück zu kommen.“ Wie in einem bösen Albtraum durchlebte er die folgenden Tage, die Registrierung als Asylsuchender, die Fahrt ins Aufnahmelager nach Dortmund, Weiterleitung nach Bielfeld, Neheim und zurück, bis er schließlich im September 2014 im Rathaus Solingen ankam. „Dort traf ich auf andere afghanische Flüchtlinge, die ebenfalls Formulare ausfüllen mussten, und ich konnte für sie übersetzen.“

Die Mitarbeiter der Stadt Solingen begriffen sofort, welchen Glückstreffer sie vor sich hatten und baten Noor, sich als ehrenamtlicher Dolmetscher beim Kommunalen Integrationszentrum registrieren zu lassen. Eine Aufgabe, die er gerne annahm. Inzwischen gibt er mehrere Deutschkurse für den Internationalen Bund IB und hat eine Anstellung beim Landschaftsverband gefunden, wo er unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan betreut. „Es ist schön zu sehen, dass ich wieder etwas für andere tun kann, so wie ich es gewohnt war.“

Über die emotional schwierige Anfangszeit half ihm Kurt Picard hinweg. Der Solinger, der sich auch in der evangelischen Flüchtlingshilfe engagiert, wurde mit seiner Frau zur Ersatzfamilie. Gemeinsam mit Noor hat er den deutsch-afghanischen Gesprächskreis gegründet. Einmal im Monat treffen sich im Gemeindezentrum an der Sandstraße Deutsche und Afghanen, um die Kultur des Anderen besser kennenzulernen. „Das ist wichtig für neu Angekommene aus Afghanistan, damit sie sich hier zurechtfinden. Sie brauchen persönlichen Kontakt“, weiß Noor.

Die Zuhörer an diesem Abend sind beeindruckt und haben viele Fragen: hat Noor noch Kontakt zu seiner Familie? Was ist aus den Mädchenschulen geworden? Hat er in Deutschland Unterstützung vom Goethe-Institut bekommen? Bernhard Erkelenz, pensionierter Religionslehrer und Mitglied von Amnesty International, möchte wissen: „Was halten sie von der Aussage der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Margot Käßmann, die sagte ’nichts ist gut in Afghanistan‘? War die Einmischung des Westens ein Fehler?“ – „Das ist so pauschal falsch. Ein positives Beispiel bin ich selbst. Ich hatte durch die Vertreibung der Taliban die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und selber Positives anzustoßen. Ein negatives Beispiel ist allerdings der jetzige Vizepräsident, ein bekannter Mörder, der sich nun ‚Demokrat‘ nennen darf, der vom Westen gedeckt wird und gleichzeitig die Taliban protegiert. So etwas darf nicht passieren.“ Noors Appell ist, Initiativen zu unterstützen, die bei Bildung ansetzen. „Viele lehnen alles Moderne aus reiner Unkenntnis ab. Es gibt 70% Analphabeten im Land. Diese Menschen sind nicht gleichzusetzen mit Radikalen. Es ist ein langer Weg, aber da müssen wir ansetzen.“ Vor allem aber müssten die Familien derjenigen geschützt werden, die den Mut haben sich zu engagieren.

Die Frage, wie der Einfluss deutscher Politiker geltend gemacht werden kann, führt zu einer hitzigen Debatte. „Das bringt doch nichts, da rührt sich doch keiner!“, sind die einen überzeugt. „Woher soll denn unser Bundestagsabgeordneter von so konkreten Beispielen erfahren, wenn wir es ihm nicht sagen?“, gibt Bernhard Erkelenz zu Bedenken, der den CDU-Politiker Jürgen Hardt als Koordinator für transatlantische Zusammenarbeit im Auswärtigen Amt durchaus in der Verantwortung sieht. „Das eine tun, ohne das andere zu lassen“ ist für Superintendentin Dr. Ilka Werner die richtige Strategie. „Unterstützung sozialer Projekte und politische Einflussnahme müssen sich ergänzen.“

Die Lösung liegt in Afghanistan, betont Noor. „Nur die Menschen vor Ort können ihr Land nachhaltig aufbauen, aber dafür brauchen sie Schutz vor Korruption und Gewalt.“ Der abschließende Dank von Doris Schulz an Noor gilt dementsprechend nicht nur der sehr persönlichen Vermittlung seiner Geschichte, sondern auch seinem beeindruckenden Einsatz für Menschenrechte in Afghanistan.

* Da die Geschichte nach wie vor seine Familie in Afghanistan gefährden könnte, wird Noor hier nur beim Vornamen genannt.


Veranstaltungsort: Altenzentrum Cronenberger Str. 34-42, 42651 Solingen
Ansprechpartner: Doris Schulz
Telefon: 02 12/  20 37 37
E-Mail: doris-schulz@t-online.de
Angebote des Christlich-Islamischen Gesprächskreises auf unserem Portal: bne-solingen.de/tag/christlich-islamischer-gespraechskreis

Changemaker City Solingen

Was?

– eigene Visionen umsetzen
– Missstände/Mängel erkennen und bewältigen
– Mitgestaltung der eigenen Lebenswelt durch eigenständig durchgeführte Mikroprojekte
– Selbstwirksamkeitserfahrung, Projektmanagement-Erfahrungen
– Demokratieförderung

Wie

– Workshops und Beratung zur Ideenfindung
– Finanzielle Förderung von (Mikro-)Projekten
– Unterstützung bei Konzeptentwicklung & Projektumsetzung
– Unterstützernetzwerk mit breiter Expertise

Für wen?

– Jugendliche zwischen 14 und 25 Jahren, als Team aus mind. 2 Personen

  • Altersgruppe: Jugendliche (14-25 Jahre)
  • Besonders geeignet für: Weiterführende Schulen
  • Geeignet für Menschen mit Handicap: ja
  • Teilnehmerzahl: unbegrenzt, mind. 2
  • Termine: jeden 3. Mittwoch im Monat „Changemaker-Café“, 16:00 Uhr. Alternative Termine jederzeit möglich!
  • Veranstaltungsort: Jugendprojektbüro „Jump In“, Konrad-Adenauer-Straße 66, 42651 Solingen
  • Kosten: keine
  • Anbieter: AWO Arbeit & Qualifizierung gGmbH Solingen
    Kullerstraße 4-6, Außenstelle „Jump In“, Konrad-Adenauerstraße 66, 42651 Solingen
  • Kontakt: Marina Dirks, E-Mail: m.dirks@awo-aqua.de,
    Tel.: 02 12  / 23 16 66 -02
  • Anmeldung: nicht erforderlich
  • Webseiten: changemakercity.de/solingen und awo-aqua.de

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